EIN JAHR IST ES HER

Wir schreiben den 14. Januar 2010, am gleichen Tag vor einem Jahr landete meine Maschine in Auckland um mein Jahr in Neuseeland einzuleiten. Seit rund vier Wochen bin ich nun wieder zurück in ‘Good Old Germany’. Ich muss sagen, ich habe mich wieder eingelebt, aber es war schon eine Umgewöhnung. Ganz prägnant der Rechtsverkehr, das erste Mal Autofahren war eine Katastrophe, beim Anlassen die Kupplung vergessen, beim Abbiegen Scheibenwischer angeschaltet und so weiter. Die erste Umstellung waren die Deutsch sprechenden Stewardessen auf dem letzten Flug von London nach Hamburg. Ich war umringt von spießigen Geschäftsmännern, mein Sitznachbar war einer von der ganz schlimmen Sorte. „Würden Sie bitte ihr Gepäck dort oben in der Ablage verstauen, wir sitzen am Notausgang“. „Keep Cool, ich habe einen langen Flug hinter mir “. Wenn man in solchen Momenten nicht an seine Lieben in der Heimat denkt, würde man am Liebsten wieder aus dem Flieger steigen. Die letzte Etappe verflog im Flug, schon beim Landeanflug auf Los Angeles hatte ich mich bei dem Gedanken erwischt: ‘Endlich L.A., bald geschafft!’. Klingt absurd, aber das Land der Weißen Wolke liegt so verdammt weit weg, da kommt einem die amerikanische Westküste auf dem Weg nach Europa gar nicht mehr so weit vor. Jedem, der eine solche Reise mal in Angriff nehmen möchte, empfehle ich einen Zwischenaufenthalt für mehrere Tage, denn die lästigen Reiseformalitäten für die USA müssen auch für eine zweistündige Zwischenlandung abgehandelt werden und 24 Stunden nahezu durchfliegen muss man sich nicht antun und das Kalifornien eine Reise wert ist, versteht sich von selbst.

Ein Inlandsflug in Neuseeland hingegen ist ein Erlebnis wert, keine Sicherheitskontrollen, einfach in den Flieger steigen wie beim Bus oder Zug. Die Propellermaschine hüpft so durch die Turbulenzen, dass man die Ruhe eines Langstrecken Vogels zu schätzen lernt. Dieses Erlebnis habe ich mir nach meiner Radtour von Christchurch aus genehmigt. ‘Picton – Palmy Luftlinie 140 km in 14 Std.’ wer erinnert sich? Mit dem Flieger dauert es gerade mal 1:10 Std und Christchurch liegt noch mal 325 km weiter entfernt. Eine ideale Vogelperspektive auf die Studienstadt rundete den nahenden Abschied ab. Vom Flughafen zu meiner alten WG lernte ich einen Äthiopischen Taxifahrer kennen, der sein Lebensglück in dieser Stadt gefunden hatte, ich bin ja bis zum Schluss nie richtig warm mit dem Ort geworden, auch wenn es sich dort gut Leben ließ. Auf der Fahrt erfuhr ich viel über sein spannendes Leben: Wenn man es als Äthiopier in den 80ern geschafft hat, in Budapest ein Studium abzuschließen, zum promovieren nach Deutschland geht und es schafft einen Kontakt zur Familie über den ‘Eisernen Vorhang’ aufrecht zu erhalten, dann kann man es vielleicht nachvollziehen, warum man sich hier niedergelassen hat. Hier ist das Leben einfach, ein Taxiunternehmen läuft von alleine, mit ohne oder ohne Doktortitel, man spricht eine Sprache und der Kontakt zu engsten Verwandten wird nicht durch historisch- politische Gegebenheiten beeinflusst. Historisch ist in Palmy wenig, die Geschichte von Palmerston North ist so interessant wie eine Spiel bei ‘Anno 1503′ – Häuser bauen, Wald roden, Landwirtschaft drumherum. 1866 wurde eine Siedlung gegründet, die nach dem Premierminister Viscount Palmerston benannt wurde, dieser war 1865 gestorben. Wenn man Mitte des 19. Jahrhunderts eine britischer politische Position bekleidet hatte, dann wurde nach einem eine Stadt in Neuseeland benannt, davon konnte man wohl grundsätzlich ausgehen. Ich bin ja schon stolz, dass es in Neuseeland einen Gebirgszug am Mount Cook gibt, der ‘Malte Brun’ heißt, aber damit habe ich nichts zu tun. Wie dem auch sei, die Gründung liegt erst 143 Jahre zurück und dann erfahre ich beim Abschiedsgespräch mit unserer Betreuerin an der Uni, dass wir dieses Jahr den kältesten Winter seit 140 Jahren hatten. Nebenbei erzählte sie mir, dass ich alle Scheine bestanden habe und fragte, ob ich den Sommer genossen hätte und welches Klima mich den Daheim erwarte:.„Freezing temperatures down to minus 10 degrees and snow on weekend“. So sieht es nun fast durchgehend aus seitdem ich hier bin. Ob es ein Jahrhundert Winter wird, bleibt abzuwarten, das Wetter wird ja seit 150 Jahren aufgezeichnet, da war Palmy noch ein warmer Gedanke.

Auf dem Weg zum Bachelor steht im Grunde nur noch die Ausarbeitung der Thesis an. Hierzu ist eine sechswöchige Praxisphase in Wilhelmshaven erforderlich, um Messungen auszuführen. Ansonsten werde ich in Hildesheim bei meiner Freundin wohnen und in Hannover arbeiten, während ich noch in Bremen eingeschrieben und in meiner Heimat in Etz im Hamburger Großraum gemeldet bin: Die letzten drei Tage habe ich bei meiner Mutter in Elmshorn gelebt. Was soll man da auf die Frage ‘wo ich wohne’ antworten? Am besten Norddeutschland, bis ich also richtig angekommen bin, dauert es noch ein bisschen.

2 Antworten zu “EIN JAHR IST ES HER”

  1. Friederike Sagt:

    Schon vor Tagen deinen aktuellen Eintrag gelesen, wie immer informativ, interessant und lässig geschrieben. Das Lesen hat große Freude gemacht, ebenso die gemeinsamen Tage mit dir und Wendla in Elmshorn. Den Hippie und mich verbindet immer mehr, wir kommen blendend miteinander klar. Danke, dass du mich bei der Kontaktaufnahme begleitet hast! Bis bald! und seid herzlich gegrüßt von Martin und mir…:-)

  2. nett ;) Du machst das schon gut alter!

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