EIN AKADEMISCHER GRAD ZUM WM-START
Zeit für einen Rückblick und ein paar Zahlenspiele: Am 11.11. letzten Jahres war meine letzte Prüfung als internationaler Student in Neuseeland abgelegt, nun am 11.Juni gilt gleiches für meinen Bachelor of Science. Damals am 11.12. war auch meine Zeit als Reisender verstrichen, die Vorbereitung auf den Rückweg stand an. Dazwischen liegt schon wieder ein halbes Jahr, wie die Zeit doch rennt. Die einzigen Indikatoren die plausibel erscheinen, sind das warme sommerliche Wetter und die lang anhaltende Helligkeit. Man stelle sich vor, in wenigen Tagen ist es auf einmal winterlich kalt mit Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Die Schafskälte am letzten Wochenende lieferte vielleicht einen leichten Eindruck. Selbst mit einer Reise nach Südafrika ist ein solcher Wetterumschwung nicht ganz nach zu empfinden, so wie er mich damals bei der Rückkehr konfrontierte.
Sehr viele von uns werden eine Reise nach Südafrika nicht antreten, dennoch sind jetzt alle Augen auf diesen Staat, wo das sportliche Großereignis stattfindet, gerichtet. Auf mich wirkt bis heute noch das fußballerische Großereignis aus Wellington nach, welches am Fünfzehnten des 11. Monats im letzten Jahr stattfand – die erfolgreiche WM-Qualifikation Neuseelands. Und da die 11 Jungs mit den roten Hosen und der Raute auf der Brust seit meiner Rückkehr an jeglichen Aufgaben für Großereignisse scheiterten, sind die Erlebnisse noch nicht verblast. Ich erwische mich öfters dabei, dass ich bisweilen mehr dem WM-Auftritt der All Whites entgegen fiebere, als dem unser Adler. Auch besitze ich derzeit noch mehr Fan-Accessoires des „Underdogs“ aus „Down Under“. Das kann sich aber noch ändern, schließlich steht ja noch nicht fest, ob das Trikot in einem Monat drei oder vier Sterne ziert. Während man mit unserer Nationalmannschaft derzeit noch ein Wechselbad der Gefühle durchleben muss, mausert sich der Außenseiter aus Ozeanien zum WM-Schreck. Nachdem ersten Remi signalisierte Trainer Ricki Herbert, dass das WM Ziel, einen Punkt zu erzielen, bereits erreicht sei. Doch nach dem zweiten Punkt gegen den amtierenden Weltmeister muss die gesunde sportliche Zielsetzung schon das Achtelfinale heißen. Ein Blick in Presse am anderen Ende der Welt zeigt, dass man schon andere Ansprüche an den sportlichen Erfolg, als ein paar Punkte in der Vorrunde zu erzielen, hegt. Journalisten hadern mit den Entscheidungen der Schiedsrichter und der Standhaftigkeit der italienischen Spieler: “Tommy Smith tugged at Daniele de Rossi’s shirt and de Rossi didn’t exactly try to resist gravity. The Leaning Tower of Pisa does a better job of trying to stay upright.“ Ein anderer Journalist monierte „Wenn die Weltmeisterschaft eine Bühne wäre, hätte Italien eindeutig die besten Schauspieler. Im neuseeländischen Staatsfernsehen wurde das Remi mit „All Whites gegen „Hollywood-Betrüger 1:1” angekündigt.
Ja die Sportart Nummer Eins Rugby wäre nichts für italienische Weicheier. So stellten Die ARD-Experten Beckmann und Scholl zurecht ein anderes Zweikampfverhalten der Neuseeländer fest: „Die haben eben alle in der Schule Rugby gespielt“. Nach deutschem Kommentatoren-Auge hätte Volksheld Rory Fallon (schoss das 1:0 in der Quali) Gelb-Rot sehen müssen, wegen zu viel Ellbogeneinsatz beim Zweikampf. Der Trainer Herbert verstand hingegen nicht einmal, weshalb es über einmal Gelb gab. Da prallen eben zwei unterschiedliche Welten zusammen. Was in der NZ-Presse allerdings weniger betrachtet wurde, dass vor dem 1:0 gegen Italien sowohl ein Foul als auch eine Abseitsposition vorlag, somit wäre das Duell Hollywood Schauspieler gegen Rugby-Schubster ausgeglichen und da bei Wood’s Schuss in der 83.Minute die nötige Präzision fehlte ist das Unentschieden mehr als gerecht.
Wie dem auch sei, diese Ereignisse haben eine riesige Euphorie in dem Land der Weißen Wolke los getreten, der Fußball wird zumindest das Kricket als zweit bedeutendste Sportart ablösen. Es wird berichtet, dass alle Schüler in weißer Kleidung zur Schule erscheinen, sonst gilt es die Schuluniform zutragen. Ich habe hier in Deutschland ein Utensil in meinem Koffer, das in den Sportgeschäften der Kiwis ausverkauft ist, das Nationaltrikot. Schon unglaublich, damals vor acht Monaten habe ich mehrere Wochen den richtigen Sportladen gesucht um eins zu bekommen, irgendwann in der Hauptstadt bin ich fündig geworden.
An alle Menschen mit Neuseeländischen Wurzeln und einem gewissen Fußballtalent: Gemessen am Werdegang von Winston Reid (Torschütze 1:1 in der 93. Minute gegen Slowakei) ist es nicht schwer Nationalspieler der All Whites zu werden. Der Legionär von FC Midtjylland aus Dänemark hat seine Bereitschaft für die Nationalmannschaft Neuseelands anzutreten bei Facebook ‘gepostet’ und somit seine Nominierung im Mai 2010 ins Rollen gebracht, ein Blitzaufstieg à la Badstuber auf anderem Niveau. Ich denke, es lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken, wie viele ‘Posts’ es gebraucht hätte, Thorsten Frings wieder ins Nationalteam zu befördern, wenn selbst mehrere verletzungsbedingte Ausfälle nicht ausreichend waren. Vermisst habe ich ihn bis jetzt nicht und solange die Inflation der gelben Karten nach spanischem Geschmack nicht weiter anhält, werde ich es auch nicht. Man stelle sich allerdings ein Achtelfinale ohne Herrn Schweinsteiger und Khedira vor, gar nicht so unrealistisch durch die gelbe Kartenflut des Referees Undiano Mallenco, man kann nur auf eine gewisse göttliche Gnade von Herrn Simon aus Brasilien im Spiel gegen Ghana hoffen, was Stürmer Fabiano darf, steht einem Schiedsrichter auch nicht schlecht.
Mit diesen Erzählung im Zeichen der WM möchte ich diesen Beitrag beenden und blicke mit voller Spannung auf die Spiele unser 11 Freunde beim letzten Spieltag der Vorrunde.
23. Juni 2010 um 01:17
Hey Malte, das war sehr, sehr schön zu lesen! Intressante Anekdoten gepaart mit Fussballsacherverstand und einem kleinen Ausblick. Weiter so und bis bald! dave
23. Juni 2010 um 01:17
Informativer, interessanter Rückblick und Zahlenspielchen mit einer meiner bevorzugten Glücksziffern! Mach´s richtig gut und bis ganz bald!
23. September 2010 um 23:00
Kassel, Klasse
Glückwunsch